Raffael Schmidt
Postdoktorand/in
Alte Geschichte
Forschungsprojekt
Argos. Kritische Geschichte einer klassischen Polis zwischen Anspruch und Wirklichkeit (550–322 v.Chr.)
Das Projekt beleuchtet die politische Geschichte des klassischen Argos (ca. 550–322 v. Chr.). Die Stadt verlor am Übergang von der archaischen zur klassischen Zeit ihre frühere Machtstellung auf der Peloponnes an das ihr zumeist feindlich gesinnte Sparta. Zu einem dauerhaften Verlust des hegemonialen Einflusses in der Argeia oder gar zu einer politischen Abhängigkeit vom mächtigen Nachbarn kam es in klassischer Zeit hingegen nie. Im Gegenteil: Trotz großer Rückschläge versuchte Argos bis zum letzten Viertel des 4. Jahrhunderts immer wieder, politische Handlungsspielräume zurückzugewinnen oder zu erweitern. Mit strukturellen Besonderheiten wie einer Demokratie eigenen Zuschnitts, ausgeprägten mythopoetischen Vergangenheitskonstruktionen und rätselhaften Territorialerweiterungen eröffnet Argos einen instruktiven Zugang zur Erforschung des sog. Dritten Griechenland.
Ziel des Projekts ist es, bekannte Ereignisabfolgen, Prozesse und strukturelle Zusammenhänge aus dezidiert argivischer Perspektive zu erhellen. Zur Schärfung des Verständnisses dieser bemerkenswerten Polis in klassischer Zeit müssen auf zwei zentralen Ebenen unterschiedliche Perspektiven systematisch zusammengeführt werden:
Erstens auf der Ebene der Quellen: Bislang wurden archäologische, epigraphische und literarische Zeugnisse allzu häufig getrennt analysiert. Da – von wenigen Fragmenten des Akusilaos abgesehen – sämtliche Schriften argivischer Autoren der Klassik verloren sind und literarische Darstellungen Argos nahezu ausschließlich aus externer Perspektive erfassen, kommt den materiellen und epigraphischen Überrestquellen als innenperspektivischem Korrektiv besondere Bedeutung zu. Eine integrierende Gesamtbetrachtung des gesamten Quellenmaterials ist daher unerlässlich. Zweitens auf der Ebene des geschichtswissenschaftlichen Zugangs: Sozial-, kultur-, institutions- und ereignisgeschichtliche Fragestellungen leisten jeweils für sich genommen wesentliche Beiträge zum Verständnis des klassischen Argos, entfalten ihr volles Erkenntnispotential jedoch erst im Zusammenwirken. Vor diesem Hintergrund ergibt sich die zentrale Leitfrage des Projekts: Mit welchen politischen Mitteln verfolgte Argos zwischen etwa 550 und 322 v. Chr. sein Ziel der Ausbildung bzw. Rückgewinnung einer hegemonialen Stellung auf der Peloponnes?
Eine monographische Studie, die sich systematisch der ereignisreichen und von tiefgreifenden Transformationen geprägten Geschichte des argivischen Staates zwischen ca. 550 und 322 v. Chr. widmet, liegt bislang nicht vor. Das Projekt adressiert somit ein bisher unzureichend behandeltes Desiderat der Forschung.
Curriculum Vitae
Post-Doc im DFG-Graduiertenkolleg 2792 "Autonomie heteronomer Texte in Antike und Mittelalter" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Lehrbeauftragter des Lehrstuhls für Alte Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Promovierendensprecher des DFG-Graduiertenkollegs 2792 "Autonomie heteronomer Texte in Antike und Mittelalter"
Doktorand am DFG-Graduiertenkolleg 2792 „Autonomie heteronomer Texte in Antike und Mittelalter“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Klassische Philologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Lehrbeauftragter des Instituts für Klassische Philologie der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf
Master der Geschichtswissenschaft (Schwerpunkt: Alte Geschichte) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Studentische Hilfskraft an den Instituten für Klassische Philologie und Alte Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Bachelor an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf in den Fächern Geschichte und Antike Kultur
Abitur am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium, Leverkusen
geboren in Troisdorf
Veröffentlichungen
Monographie
Die Livius-Tradition. Studien zu den Postlivianern und den libri amissi des Livius (Dissertation, Veröffentlichung in Vorbereitung)
Herausgeberschaften
Mit Friedrich, E. (Hgg.), Ambiguities in Livy (Sammelband, in Vorbereitung. Veröffentlichung 2027 in der Brill-Reihe „Historiography of Rome and ist Empire“)
Aufsätze
Ein bellum iustum gegen Rom? Zur diskursiven (Re-)Konstruktion des Galliersturms (390/387 vC) in der Livius-Tradition, in: Diez, G./ Steilmann, E. (Hgg.), Gerechter Krieg in der Antike (akzeptiert, erscheint voraussichtlich 2026).
Ovid und Hitchcock. Die Metamorphoses als Prätext für Vertigo (1958), in: Bezzel, H. und Marshall, S., Seeing Further from the Shoulders of Giants: Heteronomous Texts from Theology, Philosophy, Poetry, Law, and Medicine in Antiquity and the Middle Ages (akzeptiert, erscheint voraussichtlich 2027).
Bemerkungen zu den Begriffen epitoma und breviarium in der lateinischen Literatur (akzeptiert, erscheint in Hermes, vorraussichtlich 2027)
Zwei Prozesswellen gegen imperatores victi im 2. Jahrhundert v. Chr. Zur Vertrauenskrise der römischen Republik (eingereicht, in Peer-Review)
The Livian Pompey. A Fallen Alexander?, in: Friedrich, E./Schmidt, R. (Hgg.), Ambiguities in Livy (Sammelband, Veröffentlichung 2027 in der Brill-Reihe „Historiography of Rome and ist Empire“)
Introduction, in: Friedrich, E./Schmidt, R. (Hgg.), Ambiguities in Livy (Sammelband, Veröffentlichung 2027 in der Brill-Reihe „Historiography of Rome and ist Empire“)
Sonstiges
Philipp V., in: Bräckel, O. et al. (Hgg.), Amici Populi Romani. Prosopographie der auswärtigen Freunde Roms (In Vorbereitung, erscheint Dezember 2026)
Perseus, in: Bräckel, O. et al. (Hgg.), Amici Populi Romani. Prosopographie der auswärtigen Freunde Roms (In Vorbereitung, erscheint Dezember 2026)
Zusammen mit Mehner, A. und Viola, D., Tagungsbericht: (Re)Create: Towards a Theory of Heteronomous TextsExterner Link, in: Hsozkult, 23.01.2025
Rezension: Weber-Pallez, Clémence; Vance, Evan (Hrsg.): Argos Through the Argive Lens. A Reappraisal of an Ancient City, Paris 2026, in: H-Soz-Kult, 22.06.2026,
Präsentationen
The Livian Pompey. A Fallen Alexander?
Livius rekonstruieren? Das Portrait des Scipio Aemilianus in den livianischen libri amissi
Die Livius-Tradition als historischer Diskurs: Überlegungen zur (Re-)Konstruktion der Römischen Republik in der Kaiserzeit
Das Portrait des Tib. Gracchus in den libri amissi des Livius
Die Livius-Tradition: Rezeption und Rekonstruktion
Livius rekonstruieren? Das Personenportrait des Marius im Spiegel der Livius-Tradition
Epitoma oder Breviarium? Terminologische Klärungen am Beispiel postlivianischer Werke
Die Livius-Tradition zwischen informationeller Heteronomie und autonomer Identität
Römische Militärdesaster von Cannae bis Arausio. Erklärungsansätze und Konsequenzen