Forschungsreise nach München, Paris und Bern
Arbeiten im Lesesaal
Auch wenn ich ursprünglich geplant hatte, in meinem Dissertationsprojekt nur mit edierten Accessus zur Ars Poetica zu arbeiten, stellte sich in den ersten Monaten schnell heraus, dass die Arbeit mit den Handschriften selbst ebenfalls einen Mehrwert darstellt. Denn in den Editionen blieben einige relevante Fragen offen. Wie muss man sich beispielsweise vorstellen, wenn laut Edition zwei Accessus in der gleichen Handschrift auf dem gleichen Folio stehen? Oder gibt es in der Handschrift Hinweise darauf, wann ein Accessus endet, wenn verschiedene Aufsätze den gleichen Accessus mit einem unterschiedlichen Ende abdrucken? Die Liste der Fragen, die ich an die Handschriften hatte, wurde immer länger, sodass ich mich entschloss, die Beschränkung meines Textcorpus zwar weiterhin auf die schon in Editionen gefundenen Accessus beizubehalten, mir die Handschriften für diese Accessus aber trotzdem noch einmal selbst anzuschauen.
In der heutigen Zeit ist es natürlich möglich, einige Handschriften digitalisiert online einzusehen oder sich hoch aufgelöste Bilder einzelner Folios von den Bibliotheken schicken zu lassen. Für die Bibliotheken, aus denen ich mehrere Handschriften benötigte, habe ich mich aber entschieden, die Handschriften vor Ort anzuschauen. Das betraf die bayerische Staatsbibliothek in München, die Bibliothèque nationale de France in Paris und die Burgerbibliothek in Bern. Auf dem Rückweg von Bern lag die Züricher Zentralbibliothek auf dem Weg, so dass sie der vierte Stopp meiner Handschriftenreise wurde. Nach langer Planung und Vorbereitung, Vorbestellung der Handschriften und verschiedener Anmeldeverfahren, konnte ich im März dann eine Woche in den verschiedenen Bibliotheken mit den Originalhandschriften arbeiten.
Die Arbeit mit den Handschriften war für mich eine große Freude und hat mein Verständnis der Horaz-Accessus relevant verbessert. Ich habe bei der Arbeit zufällig zwei weitere Accessus zur Ars Poetica entdeckt, die sich in den gleichen Handschriften befanden, die ich ursprünglich wegen anderer Accessus konsultiert hatte. Das war aber nicht die einzige schöne Überraschung, die die Handschriften für mich bereithielten: Bei zwei Accessus habe ich herausgefunden, dass sie im Rahmen einer Sammlung von Accessus stehen und nicht wie vermutet als Vorwort eines Kommentares überliefert sind. Generell hat das Sichten der Handschriften geholfen, einen Überblick über die verschiedenen Überlieferungskontexte der Accessus zu gewinnen, die auch Implikationen auf die textliche Ausgestaltung der einzelnen Accessus haben.
Natürlich war es auch spannend, die verschiedenen Lesesäle, die verschiedenen bürokratischen Wege bis in einen solchen Lesesaal hinein, und die verschiedenen Regeln und Benutzerordnungen kennenzulernen. In München wurde jede Handschrift vor der Ausgabe und nach der Rückgabe mit der Feinwaage gewogen. In Paris musste man sich die Handschrift von einem Mitarbeitenden abholen, mit ihr zu einem anderen Mitarbeitenden gehen, der die Handschrift dann für einen aufschlug und dann durfte man mit der aufgeschlagenen Handschrift an den eigenen Arbeitsplatz zurückkehren – war man mit ihr fertig, ging man in umgekehrter Reihenfolge wieder zu beiden Mitarbeitenden. In Bern hatte ich den Lesesaal ganz für mich alleine und die Handschriften warteten auf einem kleinen Wagen schon neben meinem Arbeitsplatz auf mich. Was alle Lesesäle jedoch verband, war freundliches und hilfsbereites Personal, sodass ich trotz der knapp bemessenen Zeit von einer Woche für vier Städte alle Handschriften einsehen und meine Fragen klären konnte.