Interview Frauen*netzwerktagung die Zweite
1. Ihr habt für eure Tagung das Zitat
Hannah: Marieke hat das Zitat vorgeschlagen, und ich war direkt dafür! Genau wie das Motto der Marburger Tagung Dux femina facti beansprucht es nicht nur, dass auch Frauen* Klassische Philologie betreiben, sondern weist ihnen eine entscheidende Rolle darin zu. Das tut es auch zu Recht, denn ohne sie würden unserem Fach nicht nur individuell viele hervorragende Wissenschaftlerinnen* fehlen, sondern auch strukturell wichtige Perspektiven auf die Antike und ihre Rezeption bis heute. Der Wermutstropfen ‚unserer‘ Aischylos-Stelle ist natürlich, dass das Subjekt, das den Frauen Einfluss verleihen soll, eigentlich Zeus ist...
Marieke: Genauso ‚frech‘ ist das Bild vom Medea-Sarkophag, das wir uns für die Plakate und Flyer ausgesucht haben. Es unterstreicht das Thema der Macht und agency der Frauen noch einmal, verdeutlicht aber auch gut, wie dezidiert weibliche Perspektiven unseren Blick auf die Antike ändern und vor allem bereichern, denn gerade Medea ist eine der mythischen Frauen, die durch feministische Relecture in jüngster Zeit radikal umgedeutet worden sind.
2. Wie kam es eigentlich zur Folgetagung? Aus welchem Anlass habt ihr euch als Organisatorinnen-Team zusammengefunden, um die Tagung auszurichten?
Hannah: Am Ende der Marburger Tagung stand die Frage explizit im Raum, ob das Format fortgesetzt werden soll (und in welchem Turnus). Katharina Wesselmann, unsere Potsdamer Lehrstuhlinhaberin, war auch dabei, weil sie die Keynote gehalten hat. Daher konnten wir uns sehr schnell abstimmen, dass wir den Staffelstab übernehmen wollen (und können).
Sophia: Wir haben uns gleich ganz spontan am Ende der Marburger Konferenz zusammengefunden, nachdem Katharina und Hannah Potsdam als Austragungsort angeboten hatten – eine Kooperation mit Berlin liegt da ja (nicht nur geographisch) nah. Ich habe dann noch unter meinen Mitdoktorandinnen am Institut gefragt, ob noch jemand mitmachen möchte, und Marieke ist sofort mit voller Energie dabei gewesen.
Samantha: Ich kann es ebenfalls nur weiterempfehlen, sich für derartige Formate universitätsübergreifend zu vernetzen. Die räumliche Entfernung zwischen Kiel und Potsdam war bei der Organisation der Tagung kein Hindernis, da wir uns regelmäßig über Zoom getroffen haben und die anstehenden Aufgaben gut verteilen konnten. Es gibt in der Vorbereitung einer Tagung auch einiges zu tun, wofür man nicht am Tagungsort präsent sein muss, wie das Schreiben von Anträgen, die Konzeption und Verbreitung des Call for Papers sowie die Kommunikation mit den Teilnehmenden.
3. Ihr habt dieselben Formate wie letztes Jahr in Marburg angeboten. Wie beabsichtigt war das und habt ihr bewusst Neues eingeführt?
Sophia: Mehrere aus unserem Orga-Team waren schon bei der Konferenz in Marburg dabei, und wir haben die Struktur dort als extrem abwechslungsreich und trotzdem ausgewogen empfunden. Ich selbst habe letztes Jahr einen Pitch zu meinem Diss-Projekt gegeben, woraus sich eine für mich sehr anregende Diskussion ergab. Dieses Kurz-Format ist wirklich toll für Wissenschaftlerinnen*, die am Anfang eines Projekts stehen, egal ob Prä- oder Post-Doc. Auch das Workshop-Angebot, das sich sowohl auf allgemeine als auf gender-spezifische Herausforderungen in der akademischen Karriere bezog, wollten wir fortsetzen – in Marburg waren es Networking und Bewerbungen, bei uns Publizieren und die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft. So etwas gibt es auf ‚normalen‘ Konferenzen selten.
Hannah: Neu war unser Spaziergang durch den Schlosspark Sanssouci, der zugleich eine Führung mit Antikeschwerpunkt war, die verschiedene Potsdamer Kolleginnen (von der Masterstudentin bis zur Professorin!) ehrenamtlich für uns durchgeführt haben, und eine gute Möglichkeit, an der frischen Luft (leider auch bei eher frischen Temperaturen...) informelle Gespräche aus den Kaffeepausen fortzusetzen oder neu zu beginnen.
4. Habt ihr euch intensiv mit dem Organisatorinnen-Team aus Marburg ausgetauscht? Welches Medium habt ihr dazu benutzt und wie sah der Austausch aus?
Marieke: Der Austausch mit dem Organisatorinnen-Team der ersten Netzwerktagung war uns eine sehr große Hilfe. Wir konnten von ihren Vorerfahrungen profitieren und sie haben uns dankenswerterweise einiges an Material für die Organisation zu Verfügung gestellt. Auch den bereits bestehenden E-Mail-Account des Frauen*netzwerks konnten wir für die Orga übernehmen.
Sophia: Wir haben uns regelmäßig über Zoom getroffen und zwischendurch per E-Mail kommuniziert. Es war uns sehr wichtig, dass die Gründerinnen nach wie vor involviert sind und sicher sein können, dass wir ihre tolle Initiative und die Arbeit, die sie da hineingesteckt haben, in ihrem Sinn fortsetzen. Besonders schön war es, dass auch alle, die Zeit hatten, am Ende ein Panel gechairt haben und wir in gemischten Teams die Abschlussworkshops zur Entwicklung des Netzwerks geleitet haben. So werden nicht nur Wissen und Erfahrung weitergegeben, sondern man kann gemeinsam wachsen.
Samantha: Wir werden unsere Unterlagen und Erfahrungen ebenfalls mit dem Organisationsteam der dritten Netzwerktagung teilen, die in München stattfinden wird. Über datenschutzkonforme Cloud-Dienste und geteilte Dokumente entsteht so im Idealfall über die Jahre hinweg ein Fundus an Informationen und Erfahrungswerten zu den Netzwerktreffen, der immer weiter optimiert und je nach der Situation am Ausrichtungsort ergänzt und modifiziert werden kann.
5. Neben der Keynote von Regina Höschele habt ihr mehrere Professorinnen zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle an der Marburger Tagung beteiligt waren. Wie wichtig ist die Unterstützung von Professorinnen und von welcher Seite wurde der Kontakt initiiert?
Sophia: Die Inspiration für das Podium kam auch schon aus Marburg, wo drei Professorinnen über ihre berufliche Karriere und auch über ihre Erlebnisse als leitende Wissenschaftlerinnen in einem immer noch männlich dominierten Feld erzählt haben. Diese offene, persönliche Weitergabe von Erfahrungen und guten Tipps für Nachwuchswissenschaftlerinnen* wollten wir wieder ermöglichen. Bei der Überlegung, wen wir einladen wollten, spielte natürlich die Tatsache eine Rolle, dass wir Katharina Wesselmann, Lisa Cordes und Laura Carrara gut kennen und wussten, dass sie für diese Art von Veranstaltung offen sind. Aber besonders wichtig war es auch, dass die drei Erfahrungen mit ganz unterschiedlichen, auch internationalen Publikationsformaten haben und so einen großen Wissensschatz an unsere fachlich, karrieretechnisch und biographisch diverse Gruppe weitergeben konnten.
6. Hattet ihr ein Erlebnis, das euch die Bedeutung und den Einfluss einer solchen Tagung verdeutlicht hat?
Marieke: Auf jeden Fall. Mich hat vor allem die Atmosphäre auf der Tagung begeistert, die ich als deutlich entspannter und angenehmer erlebt habe, als ich es sonst von anderen Tagungen und Konferenzen kannte. Die Teilnehmer*innen konnten sich untereinander vernetzen und über vielfältige Themen austauschen, die besonders Frauen* in der Klassischen Philologie betreffen.
Hannah: Ich habe letztes Jahr in Marburg einen Vortrag über die Frage gehalten, ob und warum es bei Aristophanes und anderen attischen Komödiendichtern keine Menstruationswitze gibt. Ich hätte den Vortrag auch vor einem gemischten oder männlich dominierten Publikum gehalten (und hoffe natürlich, dass der entsprechende Aufsatz nicht nur von Frauen* gelesen werden wird), aber es war für mich doch wahrscheinlich ein Stück weit einfacher, vor allem Frauen* vor mir zu sehen, als ich mit einer These zu einem solchen Thema zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gegangen bin.
Samantha: Um hier kurz anekdotisch zu werden, kann ich sagen, dass ich selbst als junges Mädchen sehr von TV-Formaten wie GNTM und dem Motto ‚Es kann nur eine geben‘ geprägt wurde. Und auch im universitären Kontext wird oft der Gedanke der Konkurrenz betont und suggeriert, man müsse sich eher von seinen Peers abgrenzen, um erfolgreich zu sein und sich gegen andere durchsetzen. Aber diese Denkweise schadet meiner Ansicht nach nicht nur der psychischen Gesundheit und der individuellen Forschung, die sich der Möglichkeit des konstruktiven Austausches im Team beraubt, sondern auch der Fachgemeinschaft insgesamt. Daher finde ich es wichtig, sich gemeinsam auf dem beruflichen Weg in der Klassischen Philologie zu unterstützen und das Fach durch vielfältige Perspektiven und regen Austausch zu bereichern. Ich bin den Gründerinnen daher sehr dankbar für ihre Initiative des Frauen*netzwerks und wünsche mir, dass es in Zukunft weiter wächst und viele weitere Wissenschaftler*innen erreicht. Mein Schlüsselerlebnis war, dass ich mich mit Hannah, Sophia und Marieke zu einem Team zusammenfinden konnte, bei dem die Zusammenarbeit sehr angenehm war und gut funktioniert hat, obwohl wir uns zuvor nicht kannten und uns teilweise erst bei der zweiten Tagung zum ersten Mal in Präsenz gesehen haben.
7. Ihr hattet eine Kleingruppendiskussion zur zukünftigen Gestaltung und Zielsetzung des Frauen*netzwerks – gab es bereits Ergebnisse und wie könnte euch jemand finden, der Interesse hat mitzuwirken?
Marieke: Die Kleingruppendiskussion zu den Themen ‚Selbstverständnis des Netzwerks‘, ‚zusätzliche Formate‘, ‚Webpräsenz‘ und ‚nächstes Netzwerktreffen‘ war sehr bereichernd und konnte bereits einige Ergebnisse liefern. Wir haben die grundlegende Struktur einer Website für das Frauen*netzwerk festgelegt und uns auf einen Anbieter geeinigt, bei dem die Seite veröffentlicht werden soll. Auch ein Blog mit Tagungsberichten und Forschungseinblicken soll in diesem Zuge entstehen. Als zukünftige digitale Veranstaltungsformate sind ein Zoom-Schreibcafé und Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch mit Expert*innen zu Themen wie Karriereentwicklung in der Wissenschaft geplant. Für die nächste Tagung des Netzwerks in München hat sich bereits ein neues Organisatorinnen-Team zusammengefunden.
Hannah: Am meisten Diskussionsstoff lieferte das ‚Selbstverständnis des Netzwerks‘, wobei wir uns auf viele wichtige Punkte einigen konnten. Der Austausch wird in Form von regelmäßigen Jours fixes fortgesetzt werden, damit wir mittelfristig einen tragfähigen Konsens haben, wer wir sind, was wir machen und für wen, welche Ziele wir verfolgen, wie wir uns organisieren.
Samantha: Wer über die weiteren Aktivitäten und Neuigkeiten des Frauen*netzwerks informiert werden möchte, kann sich unter dem folgenden Link gerne in den Mailverteiler des Frauen*netzwerks eintragen.